Von der Modernisierung

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Im bolivianischen Bezirk „Alto Beni“ besuche ich eine Bio-Bananenkooperative. In den nächsten Tagen besichtige ich begeistert mit den Beratern der Kooperative mehrere Parzellen der Produzent*innen. Auf dem Motorrad von Pedro kommen wir zwei in das Territorium eines hier unbenannten indigenen Volkes. Auf der einen Seite die mit Regenwald bedeckten Berge, auf der anderen der große Fluss Beni.
Wir besuchen Don Juan und Doña Marta auf einer Parzelle, die seit Generationen von Juans Familie genutzt wird. Sie sind nicht die Eigentü-mer*innen, denn das Land im Territorium ist Gemeingut und unverkäuflich. Sie haben ein informelles Nutzungsrecht. Ihr Volk ernährt sich traditionell durch eine Kombination von Fisch-fang, Jagd und Ackerbau. Ich bin erfreut beim Anblick der Plantagen, die wir nun betreten. Es wird nicht nur giftlos sondern auch in Mischkultur und im Mosaik mit unbeackertem Wald bestellt. Es handelt sich um den Lebensraum von Menschen, die sich als Teil des Ökosystems sehen und dessen Regeln respektieren. „Damit wir unseren Kindern fruchtbares Land übergeben“, so Juan.
Pedro ist fast zufrieden. Er erwähnt allerdings, dass die Kooperative sich entschieden habe, den internationalen Markt zu beliefern. Neben zusätz-licher Infrastruktur sei es daher notwendig, dass Juan und Marta Buch führten. Ob sie denn auf-schrieben, wie viel sie verkauften oder wie viele Stunden am Tag sie leisteten? Die zwei verneinen. Es wäre doch in ihrem eigenen Interesse, zu schauen, ob ihre Arbeit rentabel sei, versucht Pedro ihr Eigeninteresse zu wecken und gibt ihnen den Tipp, sich ein Schreibheft zu besorgen und alles in Spalten zu notieren. Sie stimmen ihm zu.
Ich komme ins Grübeln. Ist die Koop tatsächlich gut für diese Menschen? Sie ermöglicht ihnen monetäres Einkommen bei „sauberer“ Arbeit. Geld für die Schule oder sogar die Uni-Bildung der Kinder. Das ist schließlich wichtig, oder? Was wird aus den Kindern, wenn sie Englisch und Mathe gelernt haben? Werden sie noch für ihre Dorfgemeinschaft da sein oder doch Teil der globalen Industrie-Konsumentenschaft werden? Was ist, wenn Juan und Marta ihre Buchrechnung ansehen und feststellen, dass es rentabler wäre wilde Bäume und vereinzelten Pflanzen für den Eigenbedarf ebenfalls durch Bananenstauden zu ersetzen? Ist das das „gute Leben“?